Jetzt mal unter uns: Phonovorstufen, zu deren Parametrierung man Mäuseklaviere am Geräteboden bemühen oder gar den Deckel abschrauben muss, sind ab einer gewissen Preisklasse einfach unwürdig. Gut, dass das nicht überall so gehandhabt wird.
Phonovorstufe Alders & Lange Vinyl Engine VE 100-F
Generelles
Kompakt, schnörkel- und kompromisslos: So muss eine moderne Phonovorstufe aussehen Die Überschrift bezieht sich beileibe nicht nur auf das Bedienkonzept der Alders & Lange „Vinyl Engine VE 100-F“ – hier ist nämlich alles bequem mittels Drehknöpfen von vorne einstellbar, sondern auch auf das Unternehmen selbst. Alders & Lange in Gestalt von Martin Alders und Heiko Lange sind nämlich Neuling im HiFi-Business, keinesfalls aber in der Elektronikbranche. Tatsächlich führen sie seit vielen Jahren eine erfolgreiche Vertriebsfirma und sind bestens in allen Bereichen vernetzt, die man bedienen können muss, wenn man eine eigene Elektroniklinie stemmen will. Der Wunsch dazu erwuchs, wie so oft bei diesen Dingen, aus privatem Interesse heraus. Die Herren sind langjährige „Konsumenten“ in Sachen Musik und HiFi, und da das nötige Know-How ohnehin vorhanden war, lag der Gedanke nahe, Hobby und Beruf miteinander zu verbinden. Zum Start von Alders & Lange gibt es zwei Komponenten: die hier zur Debatte stehende Phonovorstufe „Vinyl Engine“ in einer Vielzahl von Varianten und den „Headman“, eine ambitionierte Kombination aus Kopfhörer- und Line-Vorstufe, über die es sich ganz bestimmt lohnen würde zu berichten – machen wir bei passender Gelegenheit. In der ziemlich luxuriösen „F“-Ausführung, die uns zur Verfügung stand, kostet die Vinyl Engine 4150 Euro. Es gibt auch noch eine Variante namens „U“ für „unten“, bei der die Tonabnehmereinstellungen von unten per DIP-Schalter vorgenommen werden müssen und eine „H“- Version, bei der die Drehschalter– richtig, hinten angeordnet sind.
Ausstattung Grundsätzlich verstärkt das Gerät Signale von MM- und MC-Abtastern, tatsächlich macht es technisch keinen Unterschied zwischen beiden Generatorvarianten, es ist stets die gleiche Verstärkerkonfiguration im Einsatz. Die Verstärkung ist vierfach zwischen 40 und gut 60 Dezibel umschaltbar, das reicht in der Praxis. Ich persönlich hätte mir gerne noch ein paar Dezibelchen mehr „Luft“ nach oben gewünscht, nötig ist das aber nicht. Eingangsimpedanzen sind in sechs Stufen schaltbar, hier stehen 100, 150, 330, 500, 1000 Ohm und 47 Kiloohm zur Auswahl. Das ist eine praktisch lehrbuchmäßige Abstufung, der jeweils aktive Wert wird von einer kleinen roten Leuchtdiode quittiert. Das ist ein schön klassisches Bedienkonzept, bestens bedien- und ablesbar. Drehschalter Nummer drei übrigens schaltet die beiden möglichen Eingangsmodi um: Man kann die Vinyl Engine nämlich sowohl unsymmetrisch wie symmetrisch ansteuern. Letzteres erfordert ein Spezial-Anschlusskabel, weil der Hersteller auf eine fünfpolige XLR-Buchse für den Tonabnehmeranschluss setzt. Das ist einerseits platzsparend und garantiert andererseits eine saubere Masseverbindung. Entsprechende Anschlussleitungen gibt’s natürlich bei Alders & Lange. Eingeschaltet wird mit einem Taster ganz rechts, wobei es sich um einen „soften“ Netzschalter handelt. Ganz links findet sich ein weiterer Taster, der bei Bedarf den Ausgang stummschaltet. Die Vinyl Engine steckt in einer wirklich piekfein verarbeiteten Behausung, die im Wesentlichen von einem massiven Aluminium-Rechteckprofil gebildet wird. Niedlich finde ich den Hinweis in der Bedienungsanleitung, die Lüftungsschlitze nicht zuzustellen, von denen es exakt keine gibt. Dafür aber eine ziemlich massive Bodenplatte, durch die die vier Gehäusefüße nur minimal herausragen.
Technisches Die Vinyl Engine ist ohne jeden Zweifel eine ambitionierte Ingenieursarbeit. Hier gibt’s nichts, was nicht strengen Fertigungsstandards entspricht und keine noch so kleine Ecke, die vielleicht „noch nicht so ganz fertig“ ist. Hier waren Profis am Werk, und das merkt man an jedem Detail. Und so kommt nach dem Entfernen des äußeren Blechtubus denn auch ein absolut makelloser Aufbau zum Vorschein. Ohne jeden Zweifel haben die Entwickler großen Wert auf eine luxuriöse Stromversorgung gelegt. Diese besteht aus einem Ringkerntrafo mit umfangreicher Sieb- und Stabilisierungstechnik für die analogen Betriebsspannungen. Dieser Abschnitt belegt einen großen Teil der Hauptplatine des Gerätes. Direkt aus der Profielektronik übernommen wurde die „Watchdog“-Schaltung, die die Betriebsspannungen überwacht und bei Ungemach sofort kappt. Auf der senkrecht an der Seite angeordneten Platine finden sich zwei Abschirmkästchen, die ein solide diskret aufgebautes Netzfilter respektive ein modernes vergossenes Schaltnetzteil beinhalten. Letzteres dürfte für die Steuerlogik und die zahlreichen Relais im Gerät zuständig sein. Auffällig ist das Bemühen, versorgungsbedingtes Ungemach von der verstärkenden Elektronik fernzuhalten. Das hat offenbar gut geklappt, die Vinyl Engine ist eine der störärmsten Phonovorstufen, die ich je auf dem Labortisch hatte. A propos verstärkende Elektronik: Jene tritt im Vergleich zum Rest des Aufbaus optisch kaum in Erscheinung und verbirgt sich komplett in zwei weiteren abschirmenden Blechgehäusen direkt hinter der Rückwand. Die Steckmodule haben es jedoch in sich und übernehmen die MM- und MC-Verstärkung des Gerätes komplett. Zum Einsatz kommt eine zweistufige Verstärkerschaltung, die, wie bei diesen Abmessungen kaum anders zu vermuten war, mit integrierten Bausteinen arbeitet. Dabei kommt am Eingang ein so genannter Instrumentenverstärker der besonders rauscharmen Sorte zum Einsatz, der auch dafür verantwortlich ist, dass man die Vinyl Engine ohne Umschweife symmetrisch ansteuern kann. Nach der passiven Entzerrung des Signals mittels eng tolerierter Folienkondensatoren nimmt das Zepter ein guter Doppel- Operationsverstärker in die Hand, der auch gleich die mit 50 Ohm schön niederohmigen Ausgangssignale bereitstellt. Eine Revolution in Sachen Schaltungstechnik findet also auch hier nicht statt, aber damit ist nach rund 100 Jahren Entwicklungsgeschichte bei Phonoentzerrern auch nicht mehr zu rechnen. Ohne Frage darf man Alders & Lange jedoch attestieren, eine sehr konsequente und eigenständige Lösung des Problems realisiert zu haben, die mit einer Vielzahl von durchdachten und professionellen Detaillösungen aufwarten kann. Und wenn‘s jetzt noch gut klingt, dann haben wir ein weiteres schönes Beispiel dafür, wie HiFi Made in Germany heutzutage realisiert werden sollte.
Klang Ja. Das klappt. Und zwar in ohne Wenn und Aber überzeugendem Maße. Da musste ich auch gar nicht viele Experimente machen: Das Figaro in unserem Redaktions-Transrotor wollte so unmissverständlich in der 100-Ohm Stellung der Vinyl Engine betrieben werden, da gab‘s überhaupt nichts zu diskutieren. Bei höheren Abschlüssen wurd‘s unmissverständlich dünn und faserig, bei 100 Ohm saß die Faust auf der zwölf. Irgendwie viel mir das 2024er Überraschungs-Comeback „Aghoro Mhori Mei“ der Smashing Pumpkins auf den Teller, und das Ganze legte auch gleich mächtig los. Der A&L zeigt sich überaus farbstark und lebendig, verpasst dem dynamisch noch ausbaufähigen Album ein erstaunlich ernsthaftes Fundament und sagt unmissverständlich: „Ich bin der Neue, ich komme jetzt öfter“. Darf er gerne machen, wenn er Billy Corgans Organ so schön aus dem Geschehen herauslöst, die akustischen Parts mit derart viel Gefühl und „Sahnigkeit“ serviert. Und weil heute Sonntag ist, darf auch mal wieder die wunderbare „Send In The Clowns“-Maxi des unvergesslichen Bill Henderson ran: Das in qualitativ wohl konkurrenzloses, halbtransparantes Quiex-Vinyl gepresste Highlight jagt einem mit ganz vielen Setups Schauer den Rücken herunter, hier allerdings ist das Kino schon wirklich großes: Die A&L-Phono demonstriert nachdrücklich, dass sie nicht nur kernig und bunt kann, sondern auch ganz leise und konzentriert. Gerade bei Platten wie dieser zahlt sich die Störarmut des Gerätes ganz besonders aus, ermöglicht sie doch eine extrem entschlackte und konzentrierte Wiedergabe. Dicker Daumen nach oben für diesen ausgezeichneten Newcomer!
Die Vinyl Engine weiß sich auch messtechnisch hervorragend in Szene zu setzen. Der Frequenzgang verläuft erfreulich nahe am Optimum,
die Kanaldifferenz beträgt 0,2 Dezibel – das ist das, was beim Einsatz von Bauteilen mit einem Prozent Toleranz zu erwarten ist. Der Fremdspannungsabstand
(MM, 40 Dezibel Verstärkung, 5 Millivolt am Eingang) beträgt beeindruckende 84,4 Dezibel(A), die Kanaltrennung 72,5 Dezibel(A), der Klirr winzige 0,008 Prozent.
Bei maximaler Verstärkung (62 Dezibel) und 0,5 Millivolt werden daraus 64,8 Dezibel(A), 51,8 Dezibel(A) und 0,052 Prozent. Die Stromaufnahme
des Gerätes beträgt überschaubare 5,1 Watt.
MitspielerPlattenspieler:
- Transrotor Massimo Nero / Studio 12“ / Figaro
Vollverstärker:
Lautsprecher:
GegenspielerPhonovorstufen:
- Musical Fidelity MXVynl
- Soulnote E1
Gespieltes- The Smashing Pumpkins: Aghoro Mhori Mei
- Bill Henderson: Send In The Clowns (45rpm)
- Chet Baker: Chet
- Walcott, Cherry, Vasconcelos: Codona 2