Einmal alles anders
Schiffe und Musik
Mark Bakers Vater besaß eine Werft mit 60 Mitarbeitern im südenglischen Southampton, eine der wichtigsten Hafenstädte Englands. Sie wurde durch den Stapellauf der Titanic, die allerdings in Belfast gebaut wurde, überregional bekannt. Baker arbeitete schon als Kind in der Werft mit und studierte dann konsequenterweise Schiffsbau an der Universität von Southampton. Bei seinem ersten Arbeitgeber übernahm er schnell unterschiedliche Verantwortungen und zeigte sich als Meister im Optimieren von Verfahren und Designs. Da der Schiffsbau sich im Abschwung befand, suchte er sich ein neues Feld. Nachdem ihm als Zehnjährigem von seinem Musiklehrer ein ausgezeichnetes Gehör bescheinigt worden war, hatte ihn die Liebe für Musik nie verlassen. In Verbindung mit seinen mechanischen Fähigkeiten war sie die Basis für Origin Live.
Tiefe
Nachdem sich Origin Live als OEM-Fabrikant für andere Firmen einen Ruf gemacht hatte, begann der Schritt hin zur Marke mit der Modifikation von Rega Tonarmen. Es dauerte dann auch nicht mehr sehr lange bis zum eigenen Plattenspieler. Nachdem ich Bilder der Origin Live Produktionsstätten gesehen hatte, dachte ich das sei die ehemalige Werft. Ist es nicht, aber die Fotos zeigten einen beachtlichen Maschinenpark und viel Platz zum Arbeiten. Origin Live fertigt nahezu alle Komponenten selbst – nur wenige Kleinteile und der Motor sind Ausnahmen. Die hohe Fertigungstiefe ist damit eindeutig nachvollziehbar. Selbst die dünne Korkmatte, die Teil des Tellers ist, wird von Hand eingefärbt: ich mag das.
Das ganz andere Subchassis
Hier erkennt man, wie das Lager auf dem Subchassis-Ausleger montiert ist – und nur dortAn diesem Plattenspieler ist manches besonders, das Subchassis ist besonders eigen. Woran denkt ihr, wenn ihr Subchassis hört? Genau, typischerweise an ein an drei Federn schwingend aufgehängtes Brett, das Lager und Tonarmbrett trägt. Nicht aber bei Origin Live, auch wenn das Grundprinzip der Entkopplung beibehalten wird. Und wenn man genau überlegt, beinhaltet der Begriff ja auch nicht wirklich Federn. Mark Baker schildert den Entwicklungsprozess so: “Wir begannen unsere Entwürfe mit drei Federn für das Subchassis, stellten dadurch aber eine Schwammigkeit im Klang fest. Dieses Problem wurde weitgehend durch den Wechsel zu einer Hybridkonfiguration gelöst, bei der ein einzelner fester Punkt mit zwei Auslegerfedern verwendet wurde. Das schien das Beste aus beiden Welten zu sein, da es die erhöhte Definition einer starren Aufhängung bot, jedoch ohne die Härte, die bei vielen nicht gefederten Konstruktionen üblich ist. Allerdings wurde mir dann klar, dass drei Federn oder drei starre Stützen für das Subchassis dazu führen, dass Schwingungen von einem Punkt zum nächsten und dann zum nächsten weitergeleitet werden. Dadurch entsteht eine Resonanzschleife, in der die Schwingungen immer weiter kreisen. Der Schwingungsfluss ähnelt dem Stromfluss, und eines der Prinzipien, die für elektrische Schaltungen gelten, besteht darin, Erdschleifen durch die Verwendung einer Sternerdung zu vermeiden – das heißt, alle elektrischen Erdungspfade laufen an einem einzigen Punkt zusammen und nicht auf einer kreisförmigen Bahn. In ähnlicher Weise verwenden wir jetzt einen einzigen kleinen Kontaktbereich als Befestigungspunkt für das Subchassis. Das reduziert die Resonanz erheblich und führt zu einer größeren klanglichen Transparenz.“
Konkretes Entkoppeln
Aus diesen Überlegungen heraus entstand ein lackierter Edelstahlausleger als Subchassis, der eben nur an einem Punkt, dort aber auch nicht bombenfest montiert und mit einer Edelstahlscheibe samt Kork und vielleicht noch weiteren Materialien – ihr wisst schon, vertraulich – isoliert ist. So sollen Resonanzen an einem Punkt aus dem Gesamtystem abgeleitet werden. Von vorne betracht links ist das Lager montiert, die Lagerhülse ist dabei durch eine Öffnung geführt und das Ganze wird dann von unten mit dem Ausleger verschraubt. Rechts sitzt das Tonarmbrett aus Acryl mit dem Tonarm, damit haben weder Lager noch Tonarm direkten Kontakt zum eigentlichen Chassis. Man darf sich das wie eine Waage vorstellen, ideal austariert auf beide Enden hin. Dazu kommt eine Art Hartpapierklotz, der als Resonanzhemmer dienen soll. Habt ihr schon mal so was gesehen? Ich nicht.
Mehr Entkopplung
Das Acrylchassis mit seiner durchaus ungewöhnlichen Form – weder rund noch eckig – ruht auf drei Füßen: zwei zum An- einer zum Entkoppeln, die beiden ersten aus Acetal oder Delrin, der andere aus Stahl. Das klingt so logisch, dass ich mich frage, warum das sonst noch niemand gemacht hat. Aber ist es denn ein Gimmick oder ernsthaft sinnvoll? Ich habe natürlich nachgefragt und wie nicht anders zu erwarten, dienen die Füße der….Tata…Resonanzabfuhr. Noch einmal Mark Baker: “Es läuft darauf hinaus, dass die Energie auf einen einzigen Weg gelenkt wird. Der Großteil unseres Designs ist das Ergebnis endloser Experimente. Das ist insofern zeitaufwendig, als die Ergebnisse überraschend sind, bis man sich ein solides Bild davon gemacht hat, wie es sich in der realen Welt verhält und natürlich klingt.“
Vertrauen
Verabschieden musste ich mich immer wieder von Fragen nach Details zu Materialien, denn die will Baker nicht preisgeben. Ich bin an der Stelle immer ein wenig zwiegespalten. Einerseits verstehe ich ihn vollkommen, andererseits denke ich, dass es immer den spezifischen Menschen braucht, der solche Techniken oder Materialien anwendet. Wir kennen das doch von Köchen: stellt man x-Köchen die gleichen Zutaten hin, kommen x-verschiedene Gerichte dabei heraus. Nur weil ein oder zwei Materialien vielleicht etwas spezieller sind, kann doch niemand daraus so einen Origin Live Plattenspieler bauen. Hier also mein Plädoyer für etwas mehr Selbstbewusstsein. Die Feinarbeit geht weiter: Lager und Spindel sind aus Edelstahl und werden von Hand gepaart. Obwohl beide etwas derb wirken, sind sie genau aufeinander abgestimmt. Am Ende der Spindel sitzt eine winzige Wolframlagerkugel, die auf einem Wolframlagerspiegel dreht. Warum ist sie im Verhältnis so klein? Das verringere die Reibung meint Mark Baker und das hat damit zu tun, dass das Lager bis oben hin mit Öl aufgefüllt wird. Es ist sehr eng toleriert und dadurch entsteht ein dünner, absolut dichter Ölfilm, der einen hydrodynamischen Effekt zeigt: schweben auf Öl á la Magnetlager mit definierter Ableitung durch die kleine Kugel. Tolle Lösung, denn Geräusche sind hier keine zu hören.
Mehr Eigensinn
Besonders stolz sind die Engländer auf ihren vom Topmodell herunter skalierten MLP-Teller – Multi Layer Platter heißt das. Wie genau die Lagen ausgeführt sind, wird nicht verraten. Eine ist jedenfalls von Hand schwarz eingefärbtes Kork, in das mehr also 1000 Schlitze mit einem Laser geschnitten werden. Dazu kommt eine weitere unbenannte Schicht und das wird dann alles mittels Acrylschrauben mit dem Acrylteller handfest verschraubt, niemals zu fest, eines der Grundprinzipien von Origin Live, wie wir auch beim Subchassis gesehen haben. Besitzt man übrigens nur den kleineren Aurora Dreher, kann man die vergleichbare Strata-Matte nachrüsten und soll so laut Frank Schick vom deutschen Vertrieb dem Swift klanglich recht nahekommen. Der eisenlose Gleichstrommotor kommt aus der Schweiz, der Kunstoff-Pulley ist besonders präzise gedreht. Der Motor sitzt in einer großen Behausung, die man mit Sorgfalt aufstellen und gegebenenfalls entkoppeln darf, dann kehrt Ruhe ein. Nach Anleitung schiebt man das Motorgehäuse in eine Einbuchtung unter dem Teller, so dass der Riemen stramm sitzt. Dieser Gummiriemen ist ziemlich porös und hat interessanterweise zwei Seiten, worauf mich Frank Schick aufmerksam machte: eine Seite klingt etwas satter, sonorer, die andere etwas transparenter. Welche? Findet es heraus. Auf der Oberseite der Motordose findet man zwei kleine Schrauben zur Geschwindigkeitsfeineinstellung. Die MK5 Motorsteuerung ist neu, ein silberner Knopf erledigt das Ein-und Ausschalten sowie die Geschwindigkeitswahl. Den dürfen sich die Engländer aber noch mal anschauen, er wirkt optisch wie ein Fremdkörper im ansonsten so stimmigen Design des Swift.
Der Tonarm
Der Origin Live Silver Tonarm begann sein Leben als Rega-Derivat und sieht in seiner MK V Version nach echtem Origin Live Arm aus, was vor allem an seinem fetten Lagerjoch liegt. Er hat nun ein Armrohr aus Flugzeugaluminium für besondere Steifigkeit. Sein Endstück, dessen Wichtigkeit Baker bei seinen Rega-Modifikationen erkannt hat, besteht aus Stahl. Aus Stahl ist auch das eigentliche Gegengewicht, das stramm sitzt, damit keine Schrauben nötig sind. Im so typischen Joch arbeiten für Origin Live spezifizierte Radiallager mit sehr präziser Passung. Das Aluminiumheadshell ist mit zwei Schrauben ans Armrohr angeflanscht – auch das eigenwillig – und zusätzlich verklebt. Die Innenverkabelung wurde kältebehandelt, neudeutsch cryogenisiert. Dazu kommt eine klassische Antiskatinglösung mit Ausleger, Faden und Gewicht. Baker hat sich nach ausführlichen Tests dafür entschieden, weil sie nach seinen Erfahrungen die geringste Reibung und Resonanzen in Verbindung mit der konstantesten Kraft aufweise. Mit der silbernen Schraube seitlich wird der Azimuth des Arms am Lager eingestellt und sollte nicht mehr verstellt werden – eine etwas schrullige Lösung. Muss man wegen eines nicht perfekt gebauten Tonabnehmers den Azimuth korrigieren, bietet Origin Live einen optionalen „Cartridge Enabler“ an, das ist eine verformbare Unterlegscheibe. Das Teil hatte ich nicht zur Hand, es ist aber gut zu wissen, dass es so etwas gibt.
Feinheiten
Die Höhenverstellung des Tonarms ist wunderbar einfach und doch so genial mit einer großen Gewindemutter oben und einer großen, schraubbaren Feststellscheibe unterhalb des Armboards gelöst. Warum macht das nicht jeder so? Spannend war auch, dass sich nach meiner Antiskating-Feinjustage mehr Finesse, Durchzeichnung und Lockerheit im Klang ergab. Es ist selten, dass sich nach solchen verhältnismäßig kleinen Anpassungen derart deutliche und leicht nachvollziehbare klangliche Auswirkungen ergeben.
Dem Plattengewicht, das praktisch keines hat und doch excellent funktioniert, könnte man einen eigenen Bericht widmenRelativ spät erreichte mich dann noch das Origin Live Gravity Two Plattengewicht. Dazu muss ich einfach Jan Sieveking zitieren, der sich neben dem Augsburger Vertrieb um die Origin Live Zubehörschiene kümmert: “Gravity Two ist ein Plattengewicht, das eigentlich keines ist, sondern ein einzigartiger Plattenaufsatz, der ihrem Plattenspieler dabei behilflich ist, ein neues Niveau in Sachen Klarheit, Fokus und Musikalität zu erklimmen.“ Das stimmt genau. Dieses sehr leichte, spannend aufgebaute und gewissermaßen flexible Objekt macht auf dem Origin Live Teller einen ernsthaften Unterschied bezüglich Struktur, Bassqualität und Transparenz. Kategorie unverzichtbar.
Selbstverständlich
Frank Schick lieferte den Swift mit einem vormontierten Hana ML Tonabnehmer. Es dauerte ein wenig, bis mich die Kombination vollends überzeugt hat, denn das Hana war praktisch neu, klang aber mit zunehmender Spieldauer immer offener, feiner und substanzieller. Also gab es keinen Grund mehr, auf einen anderen Tonabnehmer umzubauen. Das Hana klang am überraschend guten Phonoeingang des kleinen Mission 778x mit dem edlen Miyajima ETR Übertrager lustigerweise wie ein fetziger MM-Tonabnehmer. Mit einer größeren Phonovorstufe fing die Kombination mit dem Silver Tonarm dann aber an, sich gewissermaßen zu benehmen, verströmte Luft, Finesse und einen sehr organischen Ton, der mir vor allem vom Alnico-Magneten des Hana zu kommen schien. Als ich Chris Thiles so geniale Bacheinspielung auf seiner Gibson Mandoline aus dem Jahr 1923 aufgelegt hatte, dachte ich zuerst, ich hätte den falschen Eingang gewählt. Hatte ich aber nicht, so leise, so zart und delikat beginnt dieser Über-Musiker sein Spiel, dass dann einen Sog entwickelt, dem ich mich kaum entziehen kann. Das ging so weit, dass ich im März nach Antwerpen gefahren bin, um den Mann live zu sehen. Und so klingt es auch mit dem Swift: vollkommen realistisch, glaubhaft, stimmig, souverän und niemals nach Konserve. Wenn’s nicht so abgedroschen wäre, müsste ich sagen: so geht analog. Aber kann der Swift auch anders, vielleicht auch dreckig? Schafft er es auch, rockigere Musik so abzubilden, dass sie glaubhaft transportiert wird? Dafür lege ich Sco-Mule auf, die unglaublich wirkende Zusammenarbeit von John Scofield mit Gov‘t Mule. Das ist eine Rockband, die ihre Wurzeln im Southern Rock und bei den Allman Brothers hat: so eine schräge Combo und dann doch wieder nicht. Denn der Swing der Allman Brothers lebt auch in Gov‘t Mule und Scofield ist einer der größten Rocker unter den Jazzgitarristen. Im Grunde entsteht so eine Art Jazzrock oder Fusion, der mich unter anderem an Jeff Beck erinnert und interessanterweise überhaupt nicht antiquiert wirkt. Und was macht der Swift damit? Man muss sich einfach mal Scofields „Hottentot“ mit dem Hana anhören. Das klingt funky, satt und groovig – genau wie es muss. Wenn dann Scofields Gitarre wie eine akustische Kettensäge in den Groove grätscht, will ich, dass das genau so klingt. Das tut es ohne jede Kompression, Härte oder auch Verrundung. Mongo Santamarias „Afro Blue“ hingegen klang vielleicht nie feiner, eleganter, rhythmisch akkurat und traumwandlerisch beschwingt: ich liebe es und bin schwer beeindruckt.
Mitspieler
Tonabnehmer:
- Eternal Arts OTL Mark III Commemorative Edition
Lautsprecher:
Plattenspieler:
- Garrard 401 TR / Schick 12
Gespieltes- Chris Thile: Bach: Sonatas & Partitas Vol.2
- Gov´t Mule Featuring John Scofield: Sco-Mule
- Horace Parlan: Happy frame of mind
- Kathleen Ferrier: Bach and Handel Arias
- Queen: A Day At The Races