Das ist für Michell der neue Revolv. Schaut man sich die drei Modelle im Mitchell-Programm an, wird einem klar, dass der Revolv die goldene Mitte im Michell-Portfolio darstellt. Wobei, das ist ja nur der Anschein. Wir der Schein auch zum Sein?
Plattenspieler Michell Revolv
Michell ist dieses Jahr 60 Jahre alt geworden. Von John Michell nördlich von London gegründet ist die Firma noch heute in Familienbesitz, Jonathan Nye leitet die Produktentwicklung. Alle Materialien, die für Michell Plattenspieler verwendet werden, sind über die Jahrzehnte praktisch erprobt. Klang, Haltbarkeit und Finish sind dabei die Hauptkriterien. Der Revolv ist der erste neue Michell Plattenspieler seit dem TecnoDec 2003. Er wurde innerhalb einer Periode von etwa zwei Jahren zusammen mit dem neuen Gyro entwickelt. Beide sind eng verbunden, denn vieles, was die Michell Ingenieure während der Zeit gelernt haben, in der der ikonische Gyro im Zentrum ihrer ingenieurstechnischen Aufmerksamkeit stand, findet sich im Revolv wieder. Die Idee war aber, keinen kleineren Orbe oder einen vereinfachten Gyro zu entwickeln, der Revolv sollte sein eigener Herr sein und sowohl vom Preis als auch vom Klang her sanft zwischen dem TecnoDec und dem neuen Gyro landen. Und auch wenn er im Grunde da landet, wo zuvor der Gyro SE saß, soll er auch den nicht ersetzen, er soll einfach ein neuer Plattenspieler sein, ein neuer Standard, nicht nur in seiner Preisklasse. Dass das gelungen ist, bestätigen sowohl langjährige Kunden als auch Journalisten, die den Gyro SE extrem gut kennen. Zum Glück kenne ich ihn auch, mal schauen, was mir das hilft. Aber Jonathan Nye bat mich, die Vergleiche eher zu vergessen und den Revolv einfach als das zu nehmen, was er ist. Noch besser für mich.
Klassische Evolution
Michell Plattenspieler sind durch ihre kreisförmige Bauweise charaktisiert. Der Revolv ist wie erwähnt auch visuell zwischen dem kleinen TecnoDec und dem großen Gyro platziert. Das ist natürlich kein Zufall, denn das klare mimimalistische Erscheinungsbild samt der prinzipiellen Einfachheit und Eleganz gefällt nicht nur den Engländern. Der Gyro war ist und ist der Bestseller im Michell-Programm, wobei der Revolv ihm auf den Fersen folgt. Die neue Ausrichtung vom Michell vereinfacht die Produktion, denn es gibt nur noch zwei Plattformen: eine „starre“ für das TecnoDec und den Revolv und eine Subchassisplattform für den Gyro. Und auch hier: trotz der Gemeinsamkeiten mit dem TecnoDec ist der Revolv ein eigenständiger Plattenspieler, für den jedes Teil geprüft und im Zweifel neu designed wurde. Das beginnt bei der starren 19mm Basis aus einem Block Flugzeug-Aluminium wie beim TecnoDec. Allerdings ist das kein Aluguss mehr sondern eine gewalzte Platte, deren Materialeigenschaften sich als deutlich homogener herausstellten, wodurch sie den Energieabfluss unerwünschter Resonanzen im Gesamtsystem besser steuern können. Jonathan Nye schrieb mir dazu:“Eine der ersten Entscheidungen, die wir getroffen haben, war dass in der Preisklasse des Revolv die Investition in eine starre Konstruktion einen besseren Plattenspieler hervorbringen würde als der Versuch, einen gefederten Plattenspieler mit Kompromissen zu entwickeln. Anstatt den Plattenteller über Federn zu isolieren, isolieren wir den gesamten Plattenspieler mithilfe unserer Sorbothane-Füße vom Untergrund und gestalten die Struktur selbst so starr und stabil wie möglich.“
Basics
Hier erkennt man die runde Bauweise mit dem horizontalen Ausleger. Der Antrieb hat nur durch den Riemen Kontakt mit der AbtasteinheitDie runde Grundform mit dem mittig montierten Lager hat hinten eine Art Querausleger, auf dem links eine Einbuchtung für die Motordose ist und auf der rechts der Tonarm montiert wird. Der wird nicht mitgeliefert, man ist hier also frei, die Michell-Optionen sind sehr sinnvoll. Der hochdichte Delrinteller lagert auf dem patentierten, invertierten, hygroskopischen Michell Helix-Lager. Hier hat es nur eine Helix im Vergleich zum Gyro, aber irgendwo muss das Geld ja bleiben. Das Ganze ruht auf drei Alufüßen mit je sechs Sorbothane Bällchen, was zur Entkopplung reichen muss und das auch in den meisten Fällen tut. Der Teller mit dem vinylähnlichen Material Delrin wurde mit den für die großen Michellmodelle so typischen Messing-Schwunggewichten (hier etwas kleiner als beim Gyro) versehen, die an sinnvollen Stellen unten am Plattenteller eingelassen sind, um die Schwungmasse zu erhöhen und damit einen ruhigeren Lauf zu erzeugen. Erinnert ihr euch an den Filmklassiker „A Clockwork Orange“? Dort dreht der berühmte Transcriptor-Plattenspieler seine Runden, den Michell ab 1973 als „Hydraulic Reference Plattenspieler“ komplett fertigte, nachdem er zur schon Teile beigesteuert hatte. Bei diesen Modellen saßen die Gewichte auf dem dünnen Plattenteller als Auflage für die LP - damit hat sich Michell also schon lange beschäftigt. Dass sich Michell Plattenspieler durch eine enorme Abtastruhe auszeichnen, ist mir schon bei meiner Begegnung mit dem Orbe SE aufgefallen. Trotz Subchassis legte der Kollege eine ungeheure Stoik an den Tag, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Delrin setzte John Michell bereits vor Jahrzehnten für seine Plattenklemme ein. Im Zusammenwirken mit dem Teller soll sich das Material wie eine überdimensionale, bedämpfte Schallplatte verhalten und dadurch Resonanzen deutlich verringern, was zu einer besonders natürlichen Wiedergabe führen soll. Und in der Tat ist das eine der Stärken der Michell-Laufwerke. Der Revolv zeigt sich bei der Kontrolle unerwünschter „Energien“ als Musterschüler und klingt irre souverän. Der Plattenteller hat ja neben seinem Job, die Schallplatte zu tragen auch eine Form von Energiemanagement zu leisten. Durch die Abtastung wird mechanische Energie erzeugt, die irgendwo hin muss - bloß nicht zurück in Richtung Nadel. Dazu noch einmal Jonathan Nye:“Delrin schafft es sehr gut, den größten Teil dieser Energie abklingen zu lassen. Die Messinggewichte erfüllen eine ganz andere Funktion. Sie sind nahe am äußeren Rand des Plattentellers positioniert, da sie dort am wirksamsten sind. Anstatt den Plattenteller einfach nur schwerer zu machen, erhöhen sie dessen Widerstandsfähigkeit gegenüber sehr geringen Geschwindigkeitsschwankungen, während die Gesamtmasse des Plattentellers in einem vernünftigen Rahmen bleibt. Das Ziel nicht die maximale Masse, das Ziel war ein kontrolliertes Verhalten.“
Antrieb und Lager
Die Motordose mit ihrem herrlich altmodischen Drucktaster wird in die Aussparung im Chassis geschoben – möglichst naheDer Gleichstrommotor mit Tachogenerator sitzt in einer recht massiven Motordose, die man möglichst nahe in die Aussparung an der Zarge schiebt - so vermeidet man Schlupf und Kontakt zwischen Motor und Teller besteht nur noch durch den Riemen. Durch einen Rückmeldemechanismus kann das externe Netzteil den Gleichlauf des Motors in Echtzeit regulieren. Sein sogenanntes „Never Connected“-Prinzip meint eine Art Batteriebetrieb ohne Batterie, konkret isoliert es die Versorgungsspannung von der Netzspannung. Das schon erwähnte Lager mit feststehender Spindel hat den Vorteil, dass der Punkt, an dem die Last aufgenommen wird, sehr nahe an der Plattenoberfläche liegt, was die Hebelwirkung des Lagers verringert und zur Drehstabilität beiträgt. Eine spiralförmige Ölnut verteilt das Schmiermittel kontinuierlich um die Lagerflächen herum, sodass diese durch einen stabilen Ölfilm voneinander getrennt bleiben und Metall nicht auf Metall trifft. Beim Revolv hat sich Michell darauf konzentriert, wie das Lager montiert wird. Anstatt es einfach ins Chassis einzubauen, sitzt es in einem massiven Aluminiumkragen, der mit vier Befestigungen im Chassis festgeklemmt wird. Das Lager sollte nicht verändert werden, es sollte zu einem integralen Bestandteil des Chassis werden. Jonathan Nye:“Durch die erhöhte Steifigkeit dieser Schnittstelle entsteht eine wesentlich stabilere mechanische Grundlage für den Plattenteller.“
Feine Details
Recherchiert man genauer findet man weitere spannende Details. So wird zum Beispiel die Innseite der Messinglagerbuchse mit einem Diamantschliff veredelt, bevor jede Spindel einem Lager zugeordnet wird. Diese Lagerhülse wird aus „entstresstem“ Messing gefertigt. Das wundert euch? Nun wie beim Vinyl wird auch dieses Material bei der Produktion mannigfaltig manipuliert und kann durch Vibrationen oder Tempern (gezieltes Erwärmen und Abkühlen) von seinen unerwünschten Produktionsenergien befreit werden. Das kann man hören und wenn dem nicht so wäre, würde Michell das auch nicht tun, denn es ist schließlich teurer als Standardmessing. Am Ende kann man die Platte mit der Plattenklemme am Schraubgewinde der Spindel handwarm fixieren. Man sollte dazwischen eine Filz- oder Delrinscheibe legen, um den Kontakt zwischen Lager, Teller und Platte zu optimieren. Ich finde die Klemme und ihr Handling fummelig, klanglich auch nicht wirklich besser und lasse es deshalb lieber bleiben. So viel Mehrklang kann mir das auch gar nicht bringen, denn derartige Verrichtungen wie auch Außenringe verleiden mir schon mal den Spaß am Plattenhören.
Arm und Tonabnehmer
Alles aus einer Hand. Auch die Tonabnehmer spielen so wie die Plattenspieler und Tonarme: richtig, richtig gut
Offene Bauweise, Delringehäuse und Generator von Excel Sound, abgestimmt von Michell: Das klingt ausgezeichnetFür seinen TecnoArm 2 benutzt Michell von Rega nur noch das Armrohr und die äußere Lagereinheit und macht sonst alles besser. Das Rohr wird kugelgestrahlt, so klingelt es praktisch nicht mehr. Danach wird durch 22 Bohrlöcher die Masse verringert - das kennen wir schon von Audiomods. Das Rohr wird innen bedämpft und die Headshellunterseite plan geschliffen. Ins Armlager, das in einem Polymergehäuse ruht, kommen Edelstahlkügelchen und schlussendlich wird der Arm mit 99,9999%-er Silberlitze durchgehend verkabelt. Mit dem anders gelagerten Gegengewicht lässt sich der Azimuth korrigieren und final bekam der Arm noch eine sinnvolle Höhenverstellung. Die Cusis Tonabnehmer baut Excel Sound nach Michell Spezifikationen. Die kleineren wie unser Cusis E sitzen in einem Delringehäuse. Der Generator mit seinen Kupferspulen ist an einem Alublock befestigt, hier trägt ein Alunadelträger eine elliptische Nadel. Mit 100 Ohm Abschluss bei 4.5 Ohm Impedanz und 0.45mV Ausgangsspannung ist das Cusis E ein höchst verträglicher Zeitgenosse. Fünf Jahre hat sich Michell Zeit bei dieser Entwicklung gelassen und größte Sorgfalt auf die klangliche Abstimmung verwendet - das hat sich gelohnt, wie wir noch hören werden. Montiert werden die Abtaster natürlich in Japan, in England werden sie noch einmal getestet und gehört. Die Kombination von Arm und System ist so gut, dass mir nie ein Wechsel in den Sinn gekommen ist.
Der Klang
Ich dachte mir schon, dass der gut geht, so richtig gut. Ich hatte ihn mir aus dem Fotostudio geholt, aufs große Rack im Hörraum gestellt, ins Wasser gebracht, die Auflagekraft eingestellt, den Azimuth überprüft und dann ging es los. Und zwar mit drei der größten Trompetern der Jazzgeschichte: Clark Terry, Freddie Hubbard, Dizzy Gillespie. Ihre Pablo-Einspielung “The Alternate Blues“ ist natürlicher reiner Blues und der Revolv versteht das. Wie ruhig, wie gelassen er spielt, ohne jemals langweilig zu wirken. Wie aus dem Nichts setzt Dizzy seine gestopfte Trompete ins Bild und wenn hier etwas nicht stimmte, klänge das speziell bei den heiß geschnittenen US-Pablos schnell zerrig, unsauber, unschön. Hier? Macht ihr Witze? Das klingt satt, farbig und hochdynamisch und zwar in allen Ausdehnungen. Der Bass kommt satt und „holzig“, die Eigenheiten der drei Granden vermitteln sich unaufdringlich-deutlich und überhaupt denke ich dauernd:“Ja. So mag ich Platten hören.“ Dieser unaufdringlich-präsente Klang, das präzise, aber niemals überakzentuierte Timing, die herrlich-stimmige Gesamtbalance, also mir fällt nichts ein, was mir hier nicht gefiele. Als ich dann Baden Powell auflege, erinnere ich mich an die britische Grundtugend namens PRAT - Pace, Rhythm and Timing. Und was hat der Revolv für ein Rythmusgefühl, wie genau die Bassakzente kommen, wie perfekt die Percussion - also das ist großes Analogkino und ich kann euch sagen, dass er von richtig fetten Laufwerken flankiert wurde. Aber das ist dem Revolv so was von egal, er macht sein Ding und das klingt dann zum Beispiel bei Steely Dans Gaucho genau so, wie es klingen muss: fluffig und straff zugleich, weich und elastisch, einfach großartig. Ich will’s ja nicht übertreiben, aber der Revolv ist schlicht ein verdammt guter Plattenspieler mit einem ebensolchen Arm und Tonabnehmer. Würde ich genau so nehmen.
Unterm Strich
Das Michell-Rezept funktioniert auch im neuen Kleid. Der Revolv könnte für viele Musikliebhaber das vernünftige und höchst befriedigende Ende ihrer Suche darstellen. Ich finde ihn großartig.
Mitspieler
Vorverstärker:
Endverstärker:
Phonovorverstärker:
- Music First Audio LP 103 LCR
Lautsprecher:
Gegenspieler
Transrotor Massimo Nero
Gespieltes
- Clark Terry, Freddie Hubbard, Dizzy Gillespie: The Alternate Blues
- Neil Young: Live at Massey Hall
- Baden Powell: Tristeza on Guitar
- Steely Dan: Gaucho
- Was: Not Was
Plattenspieler Michell Revolv
- Funktionsprinzip: Riemenläufer; Subchassis
- Besonderheiten: Never Connected H.R. Netzteil
- Ausführung: Schwarz; Silber / Schwarz
- Maße (B x H x T): 490 x 150 x 375mm
- Gewicht: 13.5kg
- Garantie: 5 Jahre
- Preis: 4400 Euro (Laufwerk); 1650 Euro (TecnoArm 2); 999 Euro (Cusis E)
Vertrieb
- Input Audio
- Ofeld 15
- 24214 Gettorf
- Tel.: 04346/600601
- Web: www.inputaudio.de