Seit Jahren begegnet mir die slowakische Marke Canor immer wieder. Ich höre immer hervorragend klingende Geräte und wurde auch schon mehrfach zu einem Firmenbesuch eingeladen - das wird noch. Dass ich aber noch nie ein Canor-Gerät zur Besprechung bekommen habe, hat sich nun glücklicherweise geändert. Dass es die günstigsten Komponenten sind, freut mich, dass es keine Röhrengeräte sind, stört mich nicht. Warum werde ich erklären.
Vollverstärker und DAC Canor Virtus I4S und Verto d4S
„Oberflächliche Motivationen sind nicht die Schlechtesten.“ So oder so ähnlich hat das Karl Lagerfeld einmal gesagt und ich kann ihm nur zustimmen. Ich finde jede Menge Motivationen, diese für mein Auge todschicken Geräte alleine schon wegen ihrer Bronze-Optik (es gibt noch zwei andere Varianten) gut finden zu wollen. Vom Canor-Marketingleiter Ivan Bosnovic habe ich erfahren, dass das visuelle Design im Kern von ihrem Chefentwickler Zdenek Brezovjak kommt. Chapeau, ein Mann der vielen Talente, ich habe solch elegante, zeitlos-schicke Geräte schon lange nicht mehr gesehen. Das verdeutlicht die ohnehin komplette Canor-Unabhängigkeit aufs Feinste. Die Firma hat sowieso alles, was ein autarker Hersteller braucht: CNC Maschinen, eine Oberflächenbehandlungs- und Anodisierungsstrecke, SMT-Maschinen für die Platinenbestückung und sogar eine EMV-Messkammer am Start. Kein Wunder, dass die Slowaken auch für andere Firmen fertigen. Ich habe die Geräte übrigens zum ersten Mal im Hörraum von Karl-Heinz Fink gesehen und in seinem exzellenten Raum auf der High-End in Wien gehört.
Sündhaft?
Ihr habt es ja gesehen, neben dem Virtus I4S ist mit dem Verto D4S ein DAC gekommen. Also gut, ein DAC in der LP streift den Tatbestand der Sünde, aber da die beiden Geräte nun mal so ein hübsches Tandem sind, nehmen wir ihn gerne mit. Unser Fokus liegt aber auf dem Vollverstärker. Sowohl der Virtus I4S als auch der Verto D4S sind die ersten Geräte der neuen "Foundation Line", die ein noch breiteres Publikum ansprechen sollen als bisher, denn Canor hat Frauen als Entscheiderinnen erkannt und ein Preissegment festgelegt, bevor das technische Design begann. Und auch wenn sie eigentlich für ihre Röhrengeräte berühmt sind und der Preis für die neuen Geräte sehr attraktiv ist, war klar, dass sie auch mit diesen Komponenten ganz selbstbewusst einen neuen Standard in ihrer Klasse definieren wollen. Dafür wird im Übrigen gehört, gehört und noch mal gehört und das...hört man. Die ersten Konzepte entstanden im Oktober 2024, vorgestellt wurden die beiden Geräte dann im Februar 2026. Das ist aber erst der Anfang. Ein CD-Transport ist so gut wie fertig, dazu soll es eine Vorstufe samt hochwertigem Kopfhörerverstärker sowie eine Endstufe geben, vielleicht sogar eine Phono. Und dann winkt auch noch die sogenannte "Essential Line".
Schaltungen
Der Vollverstärker in ganzer Größe. Die massiven Kupferschienen kühlen die Transistoren sehr effektiv
Pickepacke voll sind die Platinen des Vollverstärkers, die deshalb auch übereinander gestapelt werdenDie symmetrische Eingangsschaltung des Vollverstärkers besteht aus zwei diskret aufgebauten "Ultra-low-noise" Differenzstufen. Die diskreten Stufen haben, so Canor, den Vorteil gegenüber OpAmps, dass sie keine extremen Feedbackschleifen brauchen, um gute Werte zu erzielen und schon deshalb besser klingen. Dann geht es zur nächsten diskret aufgebauten, invertierten Stufe, in der die Verstärkung des gesamten Geräts samt dezentem Feedback kontrolliert wird. Alle Stufen arbeiten in Class-A, nur die Ausgangsstufe in Class-A/B. Sie ist dreistufig differenziell mit JFETs aufgebaut und steuert ein Paar Mosfets pro Kanal an, die mit 500 Watt nominell extrem viel Leistung haben. Canor nutzt davon aber nur ein einem Viertel, da wo sie besonders linear arbeiten. Die Mosfets sind auf massiven Kupferschienen montiert, die ihre Temperatur um bis zu 20 Grad gegenüber herkömmlichen Kühlkörpern reduzieren. Das und eine Stromschutzschaltung machen den Verstärker laut Canor praktisch unzerstörbar. Auch konnten sie durch diese überdimensionierten Leistungstransistoren auf die sonst üblichen Quellwiderstände verzichten, die die Unterschiede zwischen leistungsmäßig schwächeren Einzeltransistoren ausgleichen sollen, sich klanglich aber negativ bemerkbar machen (können). Canor verlagert eine Funktion dieser Widerstände, nämlich den maximalen Strom durch den Transistor zu begrenzen, in den Netzteilbereich, wo man mit einigen Zehntel mOhm dasselbe erreicht. Damit lässt sich die Ausgangsimpedanz senken, was wünschenswert ist. Trotzdem wird die Steilheit des Transistors nicht beschnitten, was insbesondere der Dynamikentfaltung zugute kommen soll. Feedback wird wie erwähnt nur lokal einsetzt, um die einzelnen Verstärkungsstufen zu linearisieren. Die RIAA ist ebenfalls diskret zweistufig aufgebaut: eine aktive Korrekturstufe mit Feedbackschleife und dann die passive RIAA mit einer zweiten Verstärkungsstufe und minimaler Ausgangsimpedanz. OpAmps setzt Canor nur in den DC-Servos ein, so dass sie den Klang nicht beeinflussen, gleichzeitig aber auch Koppelkondensatoren überflüssig werden. Die Kapazität lässt sich in vier (MM) und die Impedanz in fünf (5) praxisgerechten Schritten vornehmen. Dazu gibt es je zwei Verstärkungen: 40 und 46db für MM, 60 und 66db für MC. XLR- und Cincheingänge finden sich bei beiden Geräten. Auch der Kopfhörerverstärker ist diskret mit einem Dual-JFET aufgebaut.
Der Wandler und die Klangkultur
Ihr werdet es nicht glauben, aber das ist ein großes DAC-Board. Da habe ich schon viel kleinere gesehenDer Verto D4S DAC setzt einen ES9038Q2M iChip in Doppelmono-Konfiguration mit seiner eigenen diskreten analogen Ausgangsstufe ein. Das klingt laut Canor am besten. Dazu kommt der hauseigene "Optimum Transient“-Filter, der gerade im Timing deutlich besser als der ESS-eigene zu sein scheint. Alle Eingänge sind galvanisch voneinander getrennt. Das zusammen mit einer genauen HF-Filterung der Versorgungsspannung soll für eine störungsfreie Wiedergabe und einen stabilen Jitter sorgen. Hören wir uns an. Alle sinnvollen Anschlüsse sind an Bord. Beim Überprüfen der Filter bin ich immer wieder bei diesem „Optimum Transient“-Filter hängen geblieben, so klingt der DAC für meine Ohren am natürlichsten. Was mich so oder so fasziniert ist der Canor Hausklang: DAC, Verstärker, Phonostufe - alle klingen praktisch gleich. Wie das geht? Die Antwort ist Erfahrung. In gut 30 Jahren haben die Slowaken verstanden, welchen Einfluss bestimmte Komponenten und ihre Kombination auf den Klang haben. Das können andere aber nach 60 Jahren noch nicht. Technisch stimmige Produkte sind die eine Canor Säule, die entscheidende aber bleibt der Klang. Dazu Canor:“Bei unserer Suche nach Perfektion probieren wir ständig unkonventionelle Schaltungsdesigns und innovative Lösungen aus. Es ist uns wichtig zu betonen, dass unser Team für den Erfolg entscheidend ist. Viele Mitarbeiter arbeiten seit 30 Jahren, also schon immer, für Canor und geben nun ihre Erfahrung an die jüngeren Kollegen weiter. Wir entwickeln unsere Produkte zwar für eine optimale technische Performance und doch kann es vorkommen, dass wir trotz aller technischen Exzellenz mit dem Klang nicht zufrieden sind. Dann geht die Reise weiter und wir vertrauen auch hier auf unsere Erfahrung.“ Das allerletzte Wort bei der Klangabstimmung hat Chefentwickler Zdenek Brezovjak, der zudem einer der Gründer von Canor ist. Jan Kosco, einer weiterer der drei Eigner, ist hauptsächlich für das mechanische Design verantwortlich.
In der Praxis
Das ist quasi das Erkennungszeichen des Canor Vollverstärkers: sein Alleskönnerknopf mit Streifendisplay
Über so eine Fernbedienung freue ich mich einfach, weil ich dadurch nicht auf die Display-Bedienung angewiesen binManchmal macht es einfach schon Freude, Geräte auszupacken und aufzustellen. Einen Schritt zurück zu gehen und mit einem Grinsen die Maschinen anzuwerfen. Der Vollverstärker wird durch den fetten, mittigen Regler charakterisiert. Falls ihr denkt, das wäre ein bisschen zu viel des Guten für einen Lautstärkesteller - Moment. Denn mit diesem Knopf und seinem mit 45mm gerade genügend großen Display kann man alle Funktionen des Verstärkers regeln, in dem man dreht oder in verschiedene Richtungen wischt. Kann man sich dran gewöhnen. Was dem Vollverstärker sein Displayknopf ist, ist dem DAC sein 18cm Touchscreen-Display. Damit kann ebenfalls alle Funktionen bequem steuern, wenn man sich nicht, wie ich alter Dackel dann doch lieber an die Fernbedienung hält. Mit
2 x 75 Watt an 8 und 2 x 140 Watt an 4 Ohm wird der Verstärker kaum je Probleme mit angeschlossenen Lautsprechern haben, der eingebaute Ventilator war für mich nicht zu hören, falls er überhaupt angegangen ist.
Endlich Musik
Damit das gleich mal geklärt ist: der DAC klingt in Kombination mit dem Vollverstärker maximal
Auch der schlanke Vollverstärker bietet genügend sinnvolle Anschlüsse von guter Qualität
Der Wandler von hinten. Alles drin, alles dran. Canor besticht auch hier mit sinnvoller Ausstattunganalog, also maximal natürlich und richtig, richtig gut. Ich habe mein CD-Laufwerk an den Verto D4S angeschlossen und Anouar Brahems Souvenance eingelegt. Björn Meyers unvergleichlicher E-Bass klang satt, weich, federnd, einfach herrlich. Das ist ein feiner, fast zarter Klang, einer für Freunde der Röhre - kann das denn Zufall sein? Nicht, dass Röhrenverstärker unbedingt immer fein und zart klingen. Aber dieser Transistorverstärker und sein Wandler-Buddy sind Lichtjahre von der Idee eines möglicherweise harschen Transistorklangs entfernt. Mir ist übrigens die sehr feinfühlig regelbare Lautstärke positiv aufgefallen und dass der DAC wie schon erwähnt mit dem „Optimal Transient“ Filter am luftigsten, tatsächlich am elegantesten klingt. Aber jetzt ist natürlich die Phonosektion dran. Ich lege mit Archie Shepps „True Ballads“ eine meine edelsten Scheiben vom japanischen Venus Records Label auf. Die klingt sehnig, sonor, satt, dabei nie aufgedickt sondern strukturiert und luftig. Mich erstaunen die kaum Mikroauflösung- und dynamik gleichermaßen. Aber auch grobe Dynamiksprünge meistert der Virtus I4S mit Leichtigkeit und der musikalische Fluss bleibt immer erhalten. Das heißt, ich kann mich jederzeit ganz auf die Musik einlassen, ohne von Technik belästigt zu werden. Natürlich kann man hier Vergleiche anstellen und sicher noch bessere externe Phonolösungen und Übertrager anführen. Aber darum geht es nicht. Es geht um einen klassenüberspringenden stimmigen, musikalisch befriedigenden Klang. Habe ich schon den Raum erwähnt? Der macht jeden Raumgedanken vergessen und ermöglicht Musik im Raum ohne Begrenzungen. Studiolike sozusagen. Und was ich oben schon angesprochen habe, wird hier überdeutlich: ob ich analog oder digital höre, spielt klanglich praktisch keine Rolle. Beide Optionen klingen gleichermaßen hervorragend, gleichermaßen natürlich.
Gemessenes
Der Canor-Vollverstärker macht, wie wir das von diesem Hersteller gewöhnt sind, einen grundsoliden Eindruck. Der Frequenzgang reicht locker bis über die 100-kHz-Marke. Er leistet knapp 80 Watt an acht Ohm, was an vier Ohm merklich weniger wird. Das ist erstaunlich, weil das Netzteil durchaus die Potenz für mehr hätte. Der Hochpegelzweig liefert an acht Ohm bei einem Watt Ausgangsleistung einen Fremdspannungsabstand von ausgezeichneten 80,5 Dezibel() und eine Kanaltrennung in praktisch gleichem Maße. Der Klirr liegt bei sehr guten 0,05 Prozent. An vier Ohm sind die Werte praktisch identisch, allerdings bricht die Ausgangsleitung auf 62 Watt ein. Die Ruhestromaufnahme aus dem Netz beträgt etwa 50 Watt, das passt.
Unterm Strich
Die beiden eleganten und preislich attraktiven neuen Canor Geräte sind aus meiner Sicht perfekte Produkte, die bei mir nie den Wunsch nach mehr aufkommen lassen. Selbst die integrierte Phonostufe ist hervorragend.
Canor Vollverstärker Virtus I4S / DAC Verto D4S
- Preis: Virtus I4S 2800 Euro; Verto D4S etwa 2500 Euro
- Vertrieb: IDC Klaassen / Lünen
- Telefon: 0231 22178822
- Internet: www.idc-klaassen.com
- H x B x T: 75 × 430 × 310 mm / 75 × 430 × 300 mm
- Gewicht: etwa 12kg / etwa 8kg
- Garantie: 2 Jahre
Mitspieler
Plattenspieler:
- PTP Audio Solid 9 Speciaal Stadshout
Tonarm:
Tonabnehmer:
Übertrager:
CD-Laufwerk:
Lautsprecher:
Gegenspieler
Vollverstärker: Lavardin IS-X Reference 23
Gespieltes
- Khruangbin: A la sala
- Archie Shepp: True Ballads
- Anouar Brahem: Souvenance
- Milt Jackson: Ballads & Blues
- The Allman Brothers Band: Eat a Peach