„Otta“ steht für „Over The Top Analogue“ und ist sicher keine betont dezente Firmierung für einen Tonabnehmerhersteller, aber es steckt Wahrheit in der diesem Statement.
Tonabnehmer Otta Theorbo
Die Idee
Nun haben MC-Abtaster ja einen gewissen Ruf, der sie von schnöden MM-Systemen absetzen soll: MCs gelten als die rassigen Hochgeschwindigkeits-Rillenkratzer; als die Konstruktionen, die auch den letzten Informationsrest aus der Plattenoberfläche extrahieren. Man kann damit dem Vernehmen nach Dinge hören, die mit den guten alten bewegten Magneten nicht gehen, und bis zu einem gewissen Grade ergibt die Legende technisch sogar Sinn: MCs verfügen über erheblich geringere bewegte Massen als MMs und können den Konturen der Rillenflanke deshalb deutlich müheloser folgen: Ein paar Windungen Draht wiegen halt deutlich weniger als eine geeignete Magnetkonstruktion.
Bei Otta ist man aber der Meinung, dass Tonabnehmerkonstrukteure über die Jahre vielleicht ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen sind und die reine Informationsextraktion über das gestellt haben, was ihrer Meinung nach viel wichtiger ist: eine musikalisch überzeugende Darbietung. Eine, bei der der Genuss im Vordergrund steht und keine Superlative. Ein hehres Ziel, bei dem man bewusst ein gewisses Maß an „Geschmack“ im Ergebnis in Kauf nimmt.
Verpackung: Achteckig, Kunstleder, standesgemäß. Nicht zuviel Aufwand und nicht zuwenig – das passtDas Modell „Theorbo“ ist der zweite Tonabnehmer des noch jungen Herstellers und bildet das Spitzenmodell des Lineups. Mit 3.500 Euro ist es nun kein Schnäppchen, in Relation zu den anderen Abtasterkalibern in diesem Heft aber immer noch bodenständig bepreist, okay, ein kleines bisschen zumindest.
„Theorbo“ ist Englisch und heißt auf Deutsch „Theorbe“. Der Begriff bezeichnet ein mittelalterliches Musikinstrument – konkret die wohl größte Laute, die es je gegeben hat. Mit einer Saitenlänge von bis zu einem Meter achtzig und gleich 14 Saiten war sie dazu gedacht, mit dem tonalen Umfang einer menschlichen Stimme mithalten zu können. Ein ziemlich beeindruckendes Gerät also und als Namensgeber für einen ganz besonderen Abtaster nicht unoriginell.
Bereits in letzten Jahr haben wir an dieser Stelle das kleinere Modell „Mandolin“ vorgestellt, dass wie unser aktueller Proband auch das geistige Kind einer deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit ist: Eckhard Derks ist ein altgedienter Vertriebsmann, der sich mit Produkten wie zum Beispiel Skyanalog, Audes und Thivan Labs einen Namen gemacht hat, Philip O’Hanlon tut in den Vereinigten Staaten Ähnliches. Natürlich treffen die beiden sich nicht regelmäßig und basteln im stillen Kämmerlein ein paar Abtaster, die Fertigung liegt selbstredend in den Händen eines bekannt fähigen „OEM“-Herstellers.
An der Rückseite erkennt der Profi das DL-103 – auch wenn’s hier farbcodierte Anschlusspins gibtWie beim Mandolin auch, stand für das Theorbo Denons unverwüstlicher Rundfunk-Abtaster DL-103 Pate. Nicht unbedingt technisch, aber die klangliche Idee dahinter war das, was die Konstrukteure reizte: Ein DL-103 klingt geschlossen, kraftvoll und „einfach gut“. Es punktet sicherlich nicht mit immensem Auflösungsvermögen, aber es ist gutmütig und funktioniert fast immer.
Rein Optisch unterscheidet sich das Theorbo erst einmal praktisch nicht vom Mandolin: Beide stecken in einem Body aus tiefrotem, fast schwarzen Sandelholz. Besondere Merkmale des Materials sind mir nicht bekannt, es wird in Indien für Schnitzarbeiten benutzt und findet in der Naturheilkunde Anwendung. Mechanisch ist es wie das Mandolin zum DL-103 „kompatibel“, ist also ziemlich universell einbaubar. Etwas nervig ist hüben wie drüben die Montage mittels durchzusteckender Schrauben und Muttern; dass ich diesen Anachronismus für komplett unnötig halte, habe ich ja schon öfter kundgetan. Das Generatorsystem arbeitet mit einem kräftigen Samarium-Kobalt-Magneten, quadratischen Spulen aus 6N-Kupferdraht und CNC-gefrästen, vergoldeten Polstücken aus hochreinem Eisen. Davon sieht man praktisch nichts, das Gehäuse des Theobro zählt zu den geschlossenen Vetretern. Der Nadelträger ist ein hartes Rubinstäbchen, an dessen Ende dieses Mal ein feiner Shibata-Diamant sitzt. Mit einem Innenwiederstand von 8,6 Ohm zählt der Abtaster nicht zu den extrem niederohmigen Vertretern, wie sie heutzutage üblich sind – das spricht für ein paar Spulenwindungen mehr. Mit einer Ausgangsspannung von 0,38 Millivolt bei 5 cm/s Schnelle liefert der Abtaster ausreichend Signalpegel für so ziemlich jede MC-taugliche Vorstufe, der Hersteller empfiehlt ein Auflagegewicht zwischen 1,5 und 2 Gramm. Eine Abschlussimpedanz zwischen 100 und 470 Ohm bekommen wir auch hin. Mit einem Gewicht von 8,4 Gramm ist das Theorbo universell einbaubar, die Nadelnachgiebigkeit von 15 μm/mN ist sehr verträglich für mittelschwere Arme. Die versprochenen 75 μm Abtastfähigkeit habe ich fast geschafft, 70 μm sind definitiv drin, womit man für den plattenabspielenden Alltag bestens gerüstet ist.
Am Ende des Rubin-Nadelträgers sitzt beim Theorbo ein Shibata-DiamantDie offensichtlichen Unterschiede zwischen Mandolin und Theorbo beschränken sich also tatsächlich auf den Abtastdiamanten, in der Realität ist da aber noch mehr. Mehr als: „Die Konstruktionen unterscheiden sich an drei wesentlichen Punkten“ und „unterschiedliche Abstimmung“ war aber nicht herauszukriegen. Richtig ist aber, das die beiden Modelle keinesfalls gleich klingen.
Ich habe mir das Leben leicht gemacht und Mandolin und Otta im Zwölf-Zoll-Arm von Thomas Schick gehört. Dafür habe ich zwei identische Headshells, sodass der Wechsel zwischen beiden Abtastern erfreulich schnell vonstatten ging, zumal man noch nicht einmal die Auflagekraft nachjustieren muss. A propos: 20 Millinewton sind das Mittel der Wahl, darunter klingt’s mir etwas zu faserig. In einer Hinsicht lässt das Theorbo dem Mandolin tatsächlich kaum eine Chance: bei der Stimmwiedergabe. Auf dem Teller liegt „Ella And Louis Again“ und bereits die ersten Takte mit Ella Fitzgeralds Organ zeigen, dass hier etwas Besonderes dargeboten wird: So ungeheuer sauber, geschmeidig und vollkommen ohne „Korn“ habe ich die Dame selten gehört. Louis Armstrongs Stimme könnte dazu nicht stärker kontrastieren und überzeugt mit Luft, sehr feinen Zischlauten und maximaler Wohlfühl-Tonalität. Die Begleitmusiker halten sich ordnungsgemäß fein im Hintergrund, bleiben aber stets präsent. Das Mandolin wirkt etwas wuchtiger, nicht ganz so geschliffen und feingeistig.Versuchen wir mal Kalviermusik. Esbjörn Svenssons posthumes Meisterwerk „Home.S.“ tönt über beide Abtaster zum Heulen schön, das Theorbo bildet aber etwas präziser ab, während ich fast geneigt bin, dem Mandolin leichte Vorteile beim Thema „Atmosphäre“ einzuräumen. Extrem unproblematisch, flüssig und langzeittauglich spielen beide Ottas, von daher: Mission erfüllt.
Unterm Strich…»
Das brandneue Otta Theorbo macht vor Allem durch eine ungeheuer geschmeidige Stimmwiedergabe auf sich aufmerksam und spielt wunderbar selbstverständlich und flüssig. Klasse!
Otta Theorbo
- Preis ca. 3.500 Euro
- Vertrieb TCG, Nordhorn
- Telefon 05921 7884927
- Internet www.ottanalog.de
- Garantie 2 Jahre
- Gewicht ca. 8,4 g
Mitspieler
Plattenspieler:
- Clearaudio Ovation / Schick 12’’
Phonovorstufen:
- Alders & Lange Vinyl Engine VE-100 F
Vollverstärker:
Lautsprecher:
- Ulber Audio Mira
- Neuron Acoustics Trivion
GegenspielerTonabnehmer:
- Otta Mandolin
- Analog Relax EX500
Gespieltes
- Ella Fitzgerald / Louis Armstrong - Ella And Louis Again
- Esbjörn Svensson - Home.S.
- Neil Young - Live At Massey Hall
- Truckfighters - Masterflow