Manchmal muss ich mich einfach auf meine Sinne verlassen. Dann nämlich, wenn ich nur wenig Informationen zu einem Produkt bekomme wie im Fall des EAR MC4. Aber hören geht ja immer.
MC-Übertrager EAR Yoshino MC4
Ihr kennt meine Art zu schreiben. Ich versuche, möglichst viel Information über ein Produkt und seine Macher zu sammeln, um ein möglichst persönliches, intimes Bild zu zeichnen. Ich möchte verstehen und dann vermitteln, warum etwas so und nicht anders gemacht ist. Und das liegt natürlich im Charakter der Macher begründet. Mit EAR Yoshino ist das so eine Sache, denn die Firma ist, wenn man so will, eine Art Hybrid. Ihr Ruf, ihre Besonderheit liegt in der ihres Gründers, Tim de Paravicini. Der Mann war besonders, er war speziell, selbstbewusst bis hin zur Rechthaberei. Aber ohne Überzeugungen entsteht nichts und Paravicini hat in seinem Entwicklerleben viele außergewöhnliche Produkte geschaffen. Ich habe lange sehr zufrieden mit einer EAR 834 Phonostufe samt 834 Vollverstärker Musik gehört.
Status Quo
Paravicini ist aber bereits 2020 gestorben und wenn man auf die Website schaut, steht davon nichts. Ich verstehe das auch, finde es aber nicht gut. Denn EAR Yoshino nur zum Zwecke der Nachlassoptimierung zu betreiben mag ein gangbarer Weg sein, man könnte ihn aber auch anders gehen: das Gute bewahren und als Inspiration für Neues verstehen. Es scheint aber so zu sein, dass man nach wie vor mit hinterlassenen Designs von Tim beschäftigt ist. Nevin de Parvicini hat seine Laufbahn mit HiFi- Designs begonnen, scheint sich aber nun hauptberuflich im Automobildesign zu bewegen. Ob er in die Fußstapfen seines Vaters treten möchte, habe ich nicht erfahren. Ihr seht, es gibt zur Firma EAR Yoshino und auch zum EAR MC4 ziemlich wenig Informationen.
Viele Faktoren, ein paar Fakten
Bei einem Übertrager zählen vor allem drei Faktoren: das Kabelmaterial, mit dem die Spulen gewickelt werden, um welchen Kern sie gewickelt werden und vor allem, wie das getan wird.
Unter der Platte mit den Kabeldurchführungen und der Seriennummer sitzen die bestens geschirmten Übertragerkapseln Man könnte darüber sicher eine Masterarbeit in Physik schreiben, doch dafür ist hier nicht der Platz. Nach vielen Versuchen habe ich dann doch drei Informationen bekommen: es handelt sich um Ringkerne, die mit Kupferdraht gewickelt werden und vier verschiedene Primärimpedanzen für die verschiedenen Anzapfungen haben. Das war’s. Welche Drahtstärke, welches Kernmaterial oder gar welche Wickeltechnik benutzt wird, hat man mir nicht verraten. Auch ob die Übertrager in ihrer Kapsel mit Mu-Metall geschirmt sind, denn sie brummen nämlich so gar nicht. Eine Quelle habe ich dann doch noch gefunden und zwar auf dem Twogoodears-Blog von Stefano Bertoncello aus Vicenza. Er schreibt dort 2016 über den ersten Paravicini MC-Übertrager namens „The Head TX4“ aus dem Jahr 1979. „The Head“ ist eine irreführende Bezeichnung, denn man könnte denken, es wäre ein „Head“-Amp, also ein aktiver Vorvorverstärker, aber wahrscheinlich ist das britischer Humor. Bertoncello hatte seinen irgendwann verkauft, es bereut und später erneut gekauft. Er mailte Paravicini an und der antwortete ihm in seiner typisch unbescheidenen Art:“Ich stelle alle meine Transformatoren selbst her, nicht wie meine Konkurrenten, die zu Herrn Transformatorbauer gehen und sagen `Bitte bauen Sie mir einen Transformator´. Ich habe den TX4 1979 als besten Übertrager der Welt entwickelt: mehr Bandbreite, mehr Headroom, bessere Rechteckwelle usw. Bis heute hat es noch niemand geschafft, damit gleichzuziehen. Wenn ich ihn heute auf den Markt bringen würde, müsste ich 3000 Pfund dafür verlangen. Ich habe etwa 200 Stück gebaut, werde aber keine Details zur Wicklung oder zum Kerntyp preisgeben, außer dass es sich um das übliche MuMetal mit 78 % Nickel handelt. Das ist das Kernmaterial mit der höchsten Induktivität. Der MC4 ist einen Tick drunter angesiedelt.“ Das ist doch mal eine Ansage. Und sein Schlusswort ist es auch:“The listening tells everything.“ Das muss ich euch wohl nicht übersetzen.
Variabilität Der MC4 ist seit 2005 in Produktion. Sein Vorgänger MC3 hatte nur drei Abgriffe: 40, 12 und 4 Ohm. Nun sind es 3, 6, 12 und 40 Ohm. Art Dudley hatte Paravicini einst für seinen Bericht in der Stereophile gefragt, ob es Unterschiede zwischen MC3 und MC4 gebe.
Und hier die Rückseite mit den vier Eingängen für die unterschiedlichen Impedanzen. Sehr, sehr schlau ist das Des Meisters Antwort war:“No.“ Die Firma schrieb mir aber, dass die Übertrager wegen des zusätzlichen Eingangs bzw. der zusätzlichen Anzapfung überarbeitet wurden. Das Grunddesign scheint aber unangetastet zu sein und ist damit seit Jahrzehnten unverändert. Und das ist auch gut so, wie wir hören werden. Auf der Rückseite finden sich vier Cinch-Eingänge für 3, 6, 12, oder 40 Ohm. Daraus ergeben sich Übersetzungsverhältnisse von 30, 24, 18, oder 10-fach. Weitere Feinanpassungen mit Anpassungswiderständen sind nicht vorgesehen und nach meiner Erfahrung klanglich auch nicht vorteilhaft. Sehr sinnvoll sind die beiden getrennten Erdungsanschlüsse, so kann man bequem zusätzliche Massekabel führen. Diese Anschlüsse werden mit je einem 10 Ohm Widerstand von der Signalmasse isoliert. Ist doch alles herrlich, man muss hier nicht herum rechnen oder mit Dipschaltern, am besten noch auf der Unterseite des Teils, herum fummeln. Man kann natürlich trotzdem rechnen oder wie ich, stecken, hören und seinen Ohren vertrauen.
Glaube, Liebe…Für die Gläubigen unter euch steht es ja auch ganz deutlich im Matthäus Evangelium:“ Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr.“ Das klingt doch gut, denn der EAR MC4 klingt auch ohne tiefgehende Informationen hervorragend. Die beiden Phonoboxen, die ich kürzlich besprechen durfte, haben es vorgezeichnet: die Sachen von selig Paravicini klingen einfach so sexy, das hat unheimlich viel Druck, Farbe und eine Art ad hoc Suchtcharakter. Mein Koetsu Urushi spielt an meinem Consolidated Audio Übertrager neutraler, ehrlicher, transparenter. Der EAR verfälscht nicht wirklich, er macht nur alles ein wenig runder und schöner. Wie ein Essen, das mit etwas mehr Butter abgeschmeckt ist, als vielleicht nötig wäre. Aber damit schmeckt es verdammt gut. Als ich aber vom 3 Ohm- auf den 6 Ohm-Abgriff wechsle, schmilzt der oben beschriebene Unterschied deutlich. Auf Blue & Sentimental des viel zu unbekannten Tenorsaxofonisten Ike Quebec kommt sein satter, so bluesiger von Ben Webster beeinflusster Ton wunderschön präsent und vollmundig rüber. Ich liebe Klangfarben und die hat der EAR im Übermaß. Wechsle ich aber vom 3 Ohm auf den 6 Ohm Abgriff schmilzt der Unterschied zum Consolidated auf erstaunliche Weise. Noch immer bleibt der das Maß der Dinge für Transparenz, Leichtigkeit- und Luftigkeit. Aber der MC4 packt mich da, wo es Spaß macht und da vergesse ich audiophile Kriterien ziemlich schnell. Die fallen mir dann wieder ein, als ich Chris Thile auflege. Chris ist einer der besten lebenden Musiker, konkret spannt er mit seiner Mandoline (!) den unfassbaren Bogen von Bluegrass über Radiohead bis hin zu Bach. Das müsst ihr euch einfach mal anhören: was für eine Mikrodynamik hier geboten ist, vom entferntesten bis zum nahesten Ton findet man auf diesen Stücken alles, was das audiophile Herz und das des Musikliebhabers begehrt. Mit dem EAR wird diese Musik zum Fest der Sinne. Nun mit dem Hana Umami Blue, das überraschenderweise in der 3 Ohm Stellung klanglich einrastet. Mit seinen 0.4mV Ausgangsspannung würde sich am 6 Ohm Eingang (1:24) die Mindestanforderung des Herstellers von 80 Ohm aufwärts ergeben, 1:18 (12 Ohm) sollte eigentlich noch besser passen. Aber das Gegenteil ist der Fall, den mir gefällt es am 3 Ohm-Eingang (= 1:30 / ca 50 Ohm) am besten: es lebt, es swingt, es groovt, es ist eine reine Freude. Und das zeigt einmal wieder, wie schnöde alle Rechnerei sein kann.
EAR Yoshino MC4 - Preis etwa 1.840 Euro
- Vertrieb Exotic Audio, Kopenhagen
- Telefon 045-35-11 27 70
- Internet www.exoticaudio.dk
- Garantie 2 Jahre
- B x H x T 90 x 55 x 120 mm
- Gewicht etwa 2 kg
Mitspieler Plattenspieler:
- Schroder TG
- PTP Audio 9
- Garrard 401
Tonarm
- Schroder CB Ebony
- Schroder Nr. 2 SQ
- Schick 12
Tonabnehmer
- Koetsu Urushi Black
- Lyra Delos
- Hana Umami Blue
Vorverstärker
- Air Tight ATC-1 HQ
- Stax SR-12 (modifiziert)
Endverstärker
- Air Tight ATM-4 / 6A3 Eintakt DIY
Lautsprecher
- De Vore 0/Baby / Greenwall Ivy
Gegenspieler MC-Übertrager:
Gespieltes - Ike Quebec: Blue & Sentimental
- Chris Thile: Bach Sonatas & Partitas
- Chic: C`est Chic
- The Commoderes: Best Of
- Cream: Wheel Of Fire